Acht Stunden Schlaf braucht der Mensch, behauptet die Gesellschaft. Wie richtig liegen wir mit dieser Annahme? Dr. phil. Daniel Brunner:

Wie viel Schlaf wir brauchen, hängt vom Individuum ab. Die Anzahl an Schlafstunden, die wir benötigen, um ausgeruht zu sein, variiert zwischen vier und elf Stunden. Der Durchschnitt liegt zwar bei sieben bis achteinhalb Stunden, jedoch muss jeder für sich selbst herausfinden, mit wie viel Schlaf er sich wohl und leistungsfähig fühlt. 

Wie erreicht man sein persönliches Schlafpensum, wenn man so viel Schlaf benötigt?

Langschläfer leiden in unserer Gesellschaft, da mehr als zehn Stunden Schlaf pro Nacht kaum erreichbar sind. Diese Menschen bewältigen ihren Alltag unter chronischem Schlafmangel, den sie an Wochenenden oder in den Ferien kompensieren müssen. Wer jedoch an den Wochenenden auf einmal sehr viel Zeit im Bett verbringt, kann unter sozialem Jetlag leiden: Wie bei einem Wechsel der Zeitzone gewöhnt sich der Körper nur schlecht an mehrstündige Verschiebungen der Schlafzeiten. Trotz verlängertem Schlaf am Wochenende fühlt man sich dann zu Beginn der Arbeitswoche unausgeruht und müde. Es empfiehlt sich eher, den Schlaf unter der Woche besser zu verteilen, als auf einen Schlag sehr viel zu schlafen.

Wann leidet man unter Schlafmangel?

Man kann von keinem Fixwert ausgehen. Wer an Wochenenden zwei, drei oder mehr Stunden länger schläft als sonst, kann davon ausgehen, dass er unter Schlafmangel leidet. Auch wer sehr schnell und immer und überall einschlafen kann. Unsere Gesellschaft betrachtet es aber als normal, dass wir Schlafzeit zu Gunsten einer Verlängerung von Aktivitäten bis zur Schmerzgrenze opfern. Wie viel Schlaf eine optimale Lebensqualität ermöglicht müssen wir als Individuum eruieren. Es kann aber sein, dass unsere Lebensumstände uns mit weniger Schlaf auskommen lassen. Stress kann uns antreiben, wecken und so stimulieren, dass wir mit weniger Schlaf auskommen und trotzdem wach und leistungsstark sind.

Man kann Schlaf kompensieren oder sogar <<vorsschlafen>>?

Akuten Schlafmangel auszugleichen geht perfekt. Ein Schlafmangel, wie man ihn zum Beispiel nach langen Partynächten erlebt, braucht je nachdem eins bis drei Nächte. Chronischer Schlafmangel braucht länger. Betroffene benötigen manchmal zwei Wochen Ferien um zu merken, dass sie in letzter Zeit zu wenig geschlafen haben. Es ist normal, dass der Körper während der ersten Ferientage zu dem Zeitpunkt erwacht, zu dem er an Arbeitstagen erwachen muss. Ein Wochenende reicht bei chronischem Schlafmangel oft nicht aus. Es ist jedoch effizienter, in den Ferien zur gleichen Zeit wie sonst aufzustehen, dafür aber eine Siesta zu machen, wie man es aus dem Süden kennt.

Ist nur ein durchgehender Schlaf gesund?

Forscher haben gezeigt, dass zu der Zeit, als es noch kein künstliches Licht gab, sich der Nachtschlaf der Menschen in zwei Teile aufgeteilt hat. Demnach ist es natürlich, nachts für eine bis zwei Stunden aufzuwachen. Oft wird angenommen, dass es sich bei Schlafunterbrüchen um Schlafstörungen handelt. Diese Annahme ist oft nicht richtig und hängt von der eigenen Einstellung ab: Wenn man weiss, dass Schlafunterbrüche natürlich sind, verfällt man in einem wachen Moment in keinen Stress, möglichst schnell wieder einschlafen zu müssen. Man ist entspannter und kann den Moment geniessen.

Wie weiss man, ob ein Schlaf mit Unterbruch krankhaft ist?

Wenn man während der Wachzeit beispielsweise körperliche Beschwerden oder Angst verspürt. Oder wenn man Schmerzen hat oder sich geplagt fühlt. Wenn man aber aufwacht und denkt, es sei schon Morgen, ist das eigentlich ein Zeichen, dass man aus gutem Schlaf erwacht ist und man die Wachphase als spezielle Wachzeit nutzen kann.

Unterbricht eine Wachpause nicht unsere Erholung?

Prinzipiell nicht. Wer aber in einer Wachphase nervös ist und frustriert versucht einzuschlafen, sollte sich nicht im Bett wälzen, sondern lieber das Schlafzimmer verlassen und sich beschäftigen, bis er oder sie wieder eine Schlafbereitschaft verspürt.

                                                                                                                                                                      Joëlle Weil