Morgenmenschen, also solche, die morgens ohne Wecker früh aufstehen können und abends rechtzeitig zu Bett gehen, haben grundsätzlich nicht ein grösseres Risiko, in den Sekundenschlaf zu verfallen als Nachtmenschen, also solche, die spät abends ins Bett gehen. Sekundenschlaf tritt ein, wenn das Schlafbedürfnis zunimmt, wenn man also langsam müde wird. Dies kann am Abend nach einem anstrengenden Tag oder aber schon tagsüber sein, wenn man die Nacht zuvor nicht genügend oder erholsam geschlafen hat.

Das Schlafbedürfnis ist sehr individuell. Allerdings gehen wir davon aus, dass über 90 Prozent der Bevölkerung einen regelmässigen Schlaf von sieben bis neun Stunden pro 24 Stunden brauchen. Wird dieses Bedürfnis über längere Zeit nicht befriedigt, wird man schon tagsüber schläfrig. Folge der übermässigen Schläfrigkeit ist das Einschlafen in Situationen, wo man sich dies nicht wünscht, zum Beispiel im Kino, bei Vorträgen oder sogar während eines Gesprächs. Oft dauert dieses Einnicken nur Sekunden, deshalb auch die Bezeichnung Sekundenschlaf.

Chronisches übermässiges Schlafbedürfnis am Tag sollte ärztlich abgeklärt werden. Es gibt Messgeräte, die man wie eine Armbanduhr tragen kann. Sie zeichnen den Schlaf-Wach-Rhythmus über mehrere Tage auf. Daraus kann der erfahrene Arzt schon sehr viel über die Schlafgewohnheiten und die Schlafqualität herauslesen. In erster Linie ist für eine vermehrte Tagesschläfrigkeit die ungenügende Schlafdauer oder der unregelmässige Schlaf zu nennen. Auch Krankheiten wie die Schlafapnoe führen zu einer vermehrten Tagesschläfrigkeit. Ebenso ist die Narkolepsie, das übermässige und plötzliche Schlafbedürfnis am Tag trotz gutem Nachtschlaf, Ursache für Sekundenschlaf. Narkolepsie ist eine seltene und oft vererbte, aber auch oft verkannte Krankheit, die sich in einem übermässigen Schlafbedürfnis bemerkbar macht.

Wer ein starkes Schlafbedürfnis empfindet, sollte auf jeden Fall sofort alle gefährlichen Arbeiten ruhen lassen und vor allem als Motorfahrzeugführer so rasch wie möglich anhalten. Ein akutes Schlafbedürfnis kann man mit keiner anderen Massnahme bekämpfen als mit einem kurzen Nickerchen. Oft genügen 10 bis 15 Minuten. Alle anderen Massnahmen wie laute Musik, frischer Wind durchs Autofenster oder lautes Singen nützen nichts und sind gefährlich. Ein kurzer Schlaf aber vertreibt die akute Müdigkeit und ermöglicht, die Arbeit oder die Autofahrt nach kurzer Zeit wieder fortzusetzen.

Schlaf am Steuer ist mindestens so gefährlich wie Alkohol am Steuer und führt oft zu sehr schweren Unfällen. Ob Früh- oder Spätschläfer, alle Menschen können bei Müdigkeit anfällig für den Sekundenschlaf werden. Frühschläfer sind allerdings am Abend schon eher müde, sodass man ihnen vor langen Fahrten nachts abraten muss. Entscheidend ist immer: Fühlt man sich nicht so fit oder gar müde, sollte man sich selber aber auch den anderen Strassenbenützern zuliebe das Auto stehen lassen. Das gilt besonders dann, wenn man noch zusätzlich Alkohol, und sei es nur wenig, getrunken hat, da dieser das Schlafbedürfnis deutlich verstärkt.


Dr. med. Werner Karrer